Im Interview äußerte sich Pfarrer Dr. Georg Müller zum Missbrauchsgeschehen und kirchlichem Handeln

"Man wird uns daran messen, ob wir mit der Sorge für die Betroffenen, mit der Aufarbeitung und auch mit Konsequenzen für Amtsinhaber ernst machen"

Kürzlich hat Pfarrer Dr. Georg Müller als Leitender Pfarrer und Offizial des Bistums Speyer in den Sonntagsgottesdiensten in einer sehr beeindruckenden Predigt  zu den kirchlichen Diskussionen in den letzten Tagen und Wochen zum Missbrauchsgeschehen im Bistum und darüber hinaus seine persönlichen Gedanken geäußert und dazu spontan Beifall erhalten.

Herr Pfarrer Dr. Müller: Was war für Sie ausschlaggebend, gerade jetzt zu diesem Thema zu sprechen?

Das lässt mich alles als gläubigen Menschen und Priester eben nicht kalt. Wie schrieb der emeritierte Papst in seinem Brief so treffend: "Immer mehr verstehe ich die Abscheu und die Angst, die Christus auf dem Ölberg überfielen, als er all das Schreckliche sah, das er nun von innen her überwinden sollte." Und die Jünger schliefen…

Die gesamte Thematik (Missbrauch, kirchliches Handeln etc.) ist ja absolut virulent, in den Medien, im Internet. Dienstlich bin ich damit konfrontiert und es war auch in vielen Gesprächen Thema. So habe ich es in einer Predigt aufgegriffen, obwohl es sonst nicht meinem Verständnis entspricht, zu tagesaktuellen Themen in der Predigt Stellung zu nehmen.

Wie nehmen Sie die Situation hier in Schifferstadt und in Speyer wahr?

Viele der aktuellen Diskussionen kommen in der alltäglichen Arbeit in der Pfarrei nur bedingt vor, auch wenn sie einzelne Personen natürlich beschäftigen oder in Familien diskutiert werden. Aber eine Pfarrei hat auch wieder andere Probleme und Herausforderungen. Wenn Sie mit "Speyer" das ganze Bistum meinen, kann ich dazu sagen, dass diese Themen vielfältig diskutiert werden und im Bistum, gerade beim Thema "Missbrauch" auch schon viel auf den Weg gebracht wurde, was z.B. Aufarbeitung und Prävention betrifft.

Der Hinweis darauf kommt mir generell zu kurz: Bei all unseren Versäumnissen hat die Kirche doch gleichzeitig mehr getan als alle anderen gesellschaftlichen Gruppen.

 

 

Werden Sie von den Menschen darauf angesprochen? Wenn ja, in welcher Weise?

In der Pfarrei bin ich ehrlich gesagt nicht oft darauf angesprochen worden, eher privat.

Ist es inzwischen in Schifferstadt und Speyer zu Kirchenaustritten gekommen?

Wie überall kommt es auch in Schifferstadt bzw. im Bistum Speyer zu vermehrten Kirchenaustritten. Über die Gründe kann man jeweils nur spekulieren, weil man ja keinen Grund angeben muss. Aber diese ganze Diskussion spielt natürlich eine Rolle, keine Frage.

 

 

 

 

Was kann getan werden, um Kirchenaustritte zu verhindern?

Das ist ein sehr vielschichtiges Thema, wie wir ja auch an der ganzen Reformdiskussion der Kirche in Deutschland sehen: Dass es Reformen geben muss, ist unumstritten, doch dann scheiden sich schon die Geister.
Aber zum Kirchenaustritt: Wenn jemand aus finanziellen Gründen austritt, was soll ich dann inhaltlich ändern? Andere Gründe haben zunächst einfach ihre subjektive Berechtigung. Wenn sich jemand der Gemeinschaft nicht verbunden fühlt oder sich über etwas sehr ärgert, dann kommt es zum Austritt. Für mich ist ein grundlegenderes Problem, dass es überhaupt die Möglichkeit zum Austritt gibt – was allerdings nur im deutschen Sprachraum geht. Darin kommt ein Verständnis von Kirche zum Ausdruck, das an sich nicht unserer theologisch-geistlichen Auffassung entspricht. Die Kirche ist kein Verein, bei dem ich einfach ein- und austreten kann, wie ich will. Mitglied der Kirche werde ich durch die Taufe, und die ist nicht revidierbar. Ich kann mich also distanzieren, ich kann die Kirche ablehnen und nicht mitmachen, ich kann auch gar nicht an Gott glauben.

Ich stehe daher unserem gesamten Kirchensteuersystem in Deutschland sehr kritisch gegenüber. Und ein großes Gehalt brauche ich auch nicht, dafür bin ich nicht Priester geworden.

Manche Kirchenkritiker sehen in diesem Missbrauchsgeschehen sogar schon den Untergang der katholischen Kirche. Was können Sie solchen Menschen entgegnen?

Das ist eine Frage des Blickwinkels. Sicher gab und gibt es Zeiten in der Kirchengeschichte, in denen es schlecht aussieht. Die Kirche wird aber nie untergehen, denn sie hat die Zusage unseres Herrn Jesus Christus, dass er bei ihr bleiben wird bis zum Ende der Zeiten. Diese Zusage gilt freilich für die Kirche als ganze, nicht für die Kirche in einem einzelnen Land. Aber das ist eine Perspektive des Glaubens.

Wie geht das Bistum Speyer mit der Aufarbeitung um?

Wie schon gesagt, es wurde einiges auf den Weg gebracht: Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft, Präventionsarbeit für alle Berufsgruppen und Ehrenamtliche, das Erfordernis polizeilicher Führungszeugnisse, die Unabhängige Kommission, die sich mit der Aufarbeitung beschäftigen wird, die Einrichtung des Betroffenenbeirats. Es gab in den letzten Jahren auch einige kirchenrechtliche Verfahren und dienstrechtliche Konsequenzen.

Inwieweit sind Sie in Ihrer Funktion als Offizial des Bistums dabei?

Bei uns im Bistum bin ich als Offizial mit dieser kirchenrechtlichen Seite betraut, wenn es um Beschuldigungen gegen Kleriker geht, in enger Abstimmung mit dem Generalvikar und dem Rechtsamt. Das wird aber in den deutschen Diözesen insgesamt sehr unterschiedlich gehandhabt.

 

 

Was muss Ihrer Meinung nach getan werden, um das Vertrauen in die Kirche wieder zu stärken?

Auch hier könnte man einen Roman schreiben. Jetzt nur zum Thema Missbrauch: Reden und Handeln müssen sich entsprechen. Gesagt wurde in den vergangenen zwanzig Jahren gerade von bischöflicher Seite sehr viel. Aber man wird uns daran messen, ob wir mit der Sorge für die Betroffenen, mit der Aufarbeitung und auch mit Konsequenzen für Amtsinhaber ernst machen. Dies alles um der Sache selbst Willen, nicht in erster Linie, weil wir wieder Vertrauen gewinnen wollen.
Wir haben auch ein erneuertes kirchliches Strafrecht. Aber das beste Recht nützt nichts, wenn es nicht konsequent angewendet wird.

 

 

Was versprechen Sie sich von der unabhängigen Aufarbeitungskommission?

Ich erhoffe mir eine gründliche und objektive Untersuchung, was bei uns im Bistum vorgefallen ist und wie die jeweils Verantwortlichen gehandelt haben. Eines ist aber auch klar: Bei Vorgängen, die 70 Jahre zurückliegen, wird man nicht mehr alles restlos aufklären können. Beschuldigte sind verstorben, es mangelt an Zeugen. Wir gehen ja ohnehin schon deutlich weiter zurück als es der Staat tut.

 

 

Wie gehen Sie mit der Meinung um, dass "die Kirche schuld sei am Missbrauchsgeschehen"?

Man muss sicher auch in diesem Zusammenhang Strukturen anschauen und institutionelle Vorgänge untersuchen. Aber mit einem differenzierten Blick bleibt doch wichtig festzuhalten, und zwar theologisch, juristisch und existentiell, dass Schuld eine personale Seite hat. Es geht um konkrete Taten, die von konkreten Tätern begangen worden sind und für die auch jemand zur Verantwortung gezogen werden kann, sofern er noch lebt. Es ist immer einfach, "die Kirche" verantwortlich zu machen. Es hilft bloß nicht weiter. Und manche verfolgen damit auch ihre ganz eigenen Ziele, die nicht die Betroffenen im Blick haben.

 

 

 

 

 

 

Gehen Sie davon aus, dass das System "Kirche" nun eine Veränderung erfahren wird?

Ich mag den Ausdruck "System Kirche" nicht, auch wenn er jetzt in aller Munde ist. Aber egal, was ich mag oder nicht mag, ist zweitrangig. Zu den Veränderungen: Zum einen hat sich ja schon etwas geändert, wir stehen nicht mehr im Jahr 2002 oder 2010. Wir haben ein neues Strafrecht im CIC (= kirchliches Gesetzbuch). Es hat sich ja auch gesellschaftlich etwas geändert, man ist für dieses Thema wacher und sensibler geworden, wenn auch längst noch nicht in einem Maß, um dieses Thema aus der Tabuecke herauszuholen. Zum anderen wird sich bestimmt auch weiter in der Kirche etwas ändern. Ob das, was jetzt aktuell diskutiert wird, allerdings auch das erbringt, was sich die Befürworter davon versprechen, daran habe ich meine großen Zweifel.

Was sagen Sie bezüglich des Fehlverhaltens von Kardinal Friedrich Wetter (93) und dem emeritierten Papst Benedikt XVI. (94)?

Der Papa meritus hat sich ja am 8. Februar dazu geäußert, damit ist für mich alles gesagt worden. Wir verdanken Joseph Ratzinger theologisch, spirituell und kirchlich unendlich viel. Auch die Aufarbeitung und das kirchliche Recht hat er vorangebracht. Ich glaube nicht, dass beide bewusst mit ihrem damaligen Handeln anderen schaden wollten. Auch Kardinal Wetter hat dazu bereits Stellung genommen.

 

 

 

 

Wie bewerten Sie die Aussage des Kölner Weihbischofs Rolf Steinhäuser, er sei "Chef einer Täterorganisation"?

Die Mafia ist eine Täterorganisation, oder eine Terrorgruppe. Ist er wirklich der Meinung, das ganze Bistum, dem er im Moment als Diözesanadministrator vorsteht, verfolge mit Absicht kriminelle Ziele? Was sagt er damit über die vielen Priester, Ordensleute und kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Tag für Tag einfach nur ihren Dienst tun? Ich weiß nicht, wie uns solch undifferenziertes Geschwätz in dieser Situation weiterhelfen soll.

Welche konkreten Veränderungen könnten Ihrer Meinung nach in Gang gesetzt werden?

Meine Zweifel an den derzeitigen Reformdiskussionen habe ich bereits ausgedrückt. Ich möchte jetzt nur vom Standpunkt des Kanonisten sprechen: Das neue Strafrecht muss konsequente Anwendung finden. Wir brauchen überdiözesane Strafgerichtshöfe, die nicht von einzelnen Bischöfen abhängen, und wir brauchen eine innerkirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit. Und wir müssen konsequent das leben, was uns der Glaube lehrt.

Das Interview führte Inge Schade; veröffentlich im Schifferstadter Tagblatt am 19.02.2022.